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Kurort Bad Aibling: Entspannen im ältesten Moorbad Bayerns

von Anne von Heydebrand

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Es fühlt sich heiß und schwer um den Körper an, aber keineswegs unangenehm. Im Kurort Bad Aibling können Gäste beim Moorbad entspannen. Das Naturheilmittel kommt direkt aus der Region.

Die Dame aus Franken ist skeptisch: In 42 Grad heißes Badewasser soll sie steigen und es 20 Minuten darin aushalten. Das kann doch nicht gesund und schon gar nicht angenehm sein. Doch genau so ist es, wenn Moor in die Wanne kommt.

Per Knopfdruck füllt ein Mitarbeiter der Wendelstein-Klinik in Bad Aibling die große, metallene Wanne mit dem schwarzen, dickflüssigen Brei. Die Fränkin steigt vorsichtig in das ungewohnte Gemisch. Und ist ganz schnell relaxed. Gar nicht so heiß fühlt sich das Moorbad an, fast schwebt der Körper ein wenig in der Wanne. Und es entspannt, die zerkleinerten Überbleibsel aus uralten Gräsern, Blättern und Moosen langsam zwischen den Fingern zu verreiben.

Spätestens zur Badehalbzeit rinnt jede Menge Schweiß von der Stirn, der am Ende ebenso sorgfältig abgeduscht wird wie der dunkle Schlamm. Zum Vorschein kommt eine spürbar sanftere Haut. In dicke Tücher gehüllt, geht es noch für ein halbes Stündchen in den Ruheraum.

Ein solches Badeerlebnis findet in Bad Aibling an die 30 000 Mal im Jahr statt, stationär oder ambulant. Wendelstein-Klinikleiter Alex Höfter ist von der Heilkraft der Anwendungen überzeugt. Im Moorbad wirken Wärme und Inhaltsstoffe zusammen. Weil Moor Hitze nur langsam abgibt, wird es auch bei hohen Temperaturen als erträglich empfunden. Bei 42 Grad beschert es den Badenden ein künstliches Fieber, das gewollt ist und die Selbstheilungskräfte des Körpers stärkt.

Der Klinikchef empfiehlt Moor bei Rheuma, Arthrose, Ischias, Gicht, Durchblutungsstörungen, Bandscheibenschäden und Osteoporose. Und: «Es hat enorme Effekte auch auf die Psyche und für den Abbau von Stress.»

Ein schützenswertes Gut

Die Zubereitung der Bäder und später das Recycling ist aufwendig: Für den medizinischen Gebrauch wird Moor mit Wasser versetzt, in einem großen Mixer gemischt und schließlich erhitzt. Pro Wanne werden zwei bis zweieinhalb Zentner Moor gebraucht. Die liefert Max Pandradl, der in der Region Bad Aibling das «schwarze Gold» ausgräbt.

Schätzungsweise 40 000 Kubikmeter Torf hat Panradl bisher mit seinem Bagger aus dem Boden geholt: ein Vielfaches der Ausbeute, die früher sein Großvater mit Schaufel und Seilzug zutage gefördert hat.

Entstanden ist das Aiblinger Moor in der letzten Eiszeit, als sich im Inntal ein gewaltiger Gletscher zurückzog und den längst verlandeten Rosenheimer See hinterließ. In den verbliebenen Feuchtmulden bildeten abgestorbene Gräser, Wurzeln und Moose nach und nach das Moor – ein Gebilde, das pro Jahr nur um einen Millimeter wächst.

Entsprechend scharf sind die Vorschriften zum Schutz der Moore. Panradl sorgt mit den Kurkliniken für einen nachhaltigen Umgang mit dem empfindlichen Gut. Einmal benutzter Schlamm wird nach Gebrauch ins Moor zurückgebracht, das in den Bädern zugesetzte Wasser über ein Filtersystem abgeleitet. Ehemalige Torfabbaustellen sind heute Naturschutzgebiete, und auf den renaturierten Flächen wachsen Pflanzen, die anderswo kaum noch zu finden sind.

Ausflüge in der Umgebung

Kurgäste und Touristinnen können die Moore der Umgebung zu Fuß erkunden. Auf gut markierten und gesicherten Wegen geht es durch eine urtümliche Landschaft, in der sich Tausende Wasservögel tummeln. Und in der lauschige Ruheplätze zu Rast und Besinnung einladen.

«Unsere Gäste sollen auch ihr mentales Gleichgewicht bei uns finden», sagt Bad Aiblings Kurdirektor Thomas Jahn. Leichte Wanderungen durch das Mangfall-Tal, Ausflüge ins oberbayerische Voralpenland und auf den nahen Wendelstein sind beliebt bei den Besuchern.

Wer im Ort bleiben will, nimmt ein Bad im Blumenmeer des großen Kurparks oder in der schicken Therme, in der aus fast 2300 Metern Tiefe 39 Grad warmes Heilwasser sprudelt.

Die Geschichte eines Visionärs

Unbestritten im Mittelpunkt steht freilich das Moor, das Bad Aibling zu einer der beliebtesten Kurstädte Bayerns gemacht hat. Zu verdanken hat die Gemeinde diese Position dem Gerichtsarzt Desiderius Beck, der die Heilkraft des Moores schon vor 175 Jahren richtig einzuschätzen wusste. 1845 eröffnete er die «Soolen- und Moorschlamm-Badeanstalt» – die allererste in Bayern. So richtig in Schwung kam sein Geschäft anfangs nicht. Es dauerte gut zehn Jahre, bis der Badebetrieb endlich Gewinn abwarf und neue Kureinrichtungen entstanden.

Beck wurde zum Aushängeschild des Städtchens Aibling, dem Prinzregent Luitpold 1895 den Titel «Bad» verlieh. 2007 hat ihm Bad Aibling beim Bau der neuen Therme ein Denkmal gesetzt und den Ursprung ihres heilsamen Wassers auf den Namen «Desiderius-Quelle» getauft.

Dass der hochgeschätzte Doktor Beck einmal kurz vor dem Bankrott stand, ist im Ort unvergessen. Denn leicht hat es auch Bad Aibling nicht immer gehabt. Harte Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen haben die deutsche Bäderlandschaft und damit auch die oberbayerische Kommune massiv getroffen. Knausrige Krankenkassen strichen die beliebten ambulanten Badekuren und fuhren generell ihre Zusagen und Zuschüsse für Kuren zurück. Den Kliniken und der gesamten touristischen Infrastruktur fügte das herbe Einnahmeverluste zu.

Neue Pläne für die Post-Pandemie-Zeit

Auch die Corona-Pandemie hat unübersehbare Spuren im Kurbetrieb hinterlassen. Laut Kurdirektor Jahn ist die Zahl der Übernachtungen 2020 gegenüber dem Vorjahr um 56 Prozent zurückgegangen, im ersten Halbjahr 2021 um ganze 82 Prozent. Wegen der Lockdowns musste Bad Aibling alle geplanten Feiern des großen Doppeljubiläums – 175 Jahre Moorbad und 125 Jahre Heilbad – ersatzlos streichen.

Thomas Jahn ist trotzdem froh, mit «zwei blauen Augen» davongekommen zu sein, wie er sagt. Inzwischen zieht der Kur- und Tourismusbetrieb wieder deutlich an, für die Zukunft sieht Jahn durch die Pandemie sogar neue Chancen für die Stadt: «Corona hat bei den Menschen das Bewusstsein für die Gesundheit geschärft, das Thema hat einen höheren Stellenwert bekommen und kann uns helfen, Gäste zu gewinnen.»

Angepeilt werden unter anderem Nachsorge- und Therapieeinrichtungen für Long-Covid-Patienten. Ein Lieblingsprojekt des umtriebigen Kurdirektors ist ebenfalls auf dem Weg: Für gut fünf Millionen Euro soll in Bad Aibling eine nagelneue, 1700 Quadratmeter große Moorbadeanlage mit allen Schikanen entstehen.

Auch Max Panradl ist für die Zukunft gerüstet. Seit sich der Moorabbau für den klassischen Kurbetrieb nicht mehr sonderlich lohnt, geht er direkt auf die Endverbraucher zu. Im heimischen Betrieb stellen er und seine Frau kleine Kuren zum Mitnehmen her: Moorbäder für die Badewanne daheim, Moorkissen, Moorsalben und Moorseifen. (dpa)

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