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Niedersächsisches Wattenmeer: Mit der Rangerin durch den Langwarder Groden

von Anne von Heydebrand
Der Langwader Groden im Sonnenuntergang -Bild von Petra Wieker auf Pixabay

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Mal wandert man übers Meer, mal übers Watt: Dank eines Bohlenweges lässt sich der Langwarder Groden auf der Halbinsel Butjadingen trockenen Fußes durchqueren. Hier hört man Krebse knistern.

Die Wanderung durch den Langwarder Groden beginnt mit einer Enttäuschung. «Vögel sind nicht da», sagt Annelie Hedden. Die Rangerin des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer schultert ihr Spektiv, man kann ja nie wissen. Dann marschiert sie den Deich hinauf.

Immerhin, eine Feldlerche gibt sich größte Mühe, die Besuchergruppe aufzuheitern. Sie steigt auf, steht in der Luft, zwitschert und jubiliert. Hedden sagt, sie übersetze das mal: «Hey, herzlich willkommen im Weltnaturerbe.»

Auf der Deichkrone ein erster Stopp. «Wir stehen hier auf einem der sichersten Deiche Niedersachsens», sagt Hedden – direkt an der Nordspitze der Halbinsel Butjadingen, zwischen den Dörfern Langwarden und Fedderwardersiel. Und exakt am Rand des Nationalparks.

Vor uns liegt der Langwarder Groden, Marschland, lauter Grau- und Grüntöne. Ein zweiter Deich, Sommer- oder Vordeich genannt, begrenzt den Blick. Dahinter ein schmaler Streifen Nordsee. Im Osten ragen die Ladekräne des Containerterminals Bremerhaven in den Himmel, im Westen die des Jade-Weser-Ports bei Wilhelmshaven.

Als der Deich geöffnet wurde

Ohne den Jade-Weser-Port gäbe es den Naturerlebnispfad Langwarder Groden nicht, sagt Annelie Hedden. Die 37-Jährige ist ein paar Kilometer hinter dem Deich aufgewachsen. Sie weiß noch, wie der Groden früher aussah. Seit 1986 gehört er zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Davor wurden die Flächen landwirtschaftlich genutzt, geschützt vom Sommerdeich.

Dieser wurde im August 2014 auf einer Länge von mehreren Hundert Metern geöffnet, als eine von mehreren «Ausgleichsmaßnahmen» beim Bau des Jade-Weser-Ports. Denn Eingriffe in die Natur müssen kompensiert werden, so sieht es das Bundesnaturschutzgesetz vor.

Seit sieben Jahren kann man also beobachten, wie sich die Natur zurückholt, was ihr einst genommen wurde. Der Langwarder Groden ist wieder dem stetigen Wechsel von Ebbe und Flut ausgesetzt. Die eine Hälfte, rund 70 Hektar, wird vernässt. Offiziell nennt sich das «Salzwiesenentwicklungsfläche». Die andere Hälfte wird beweidet. Hier halten Rinder die Flächen kurz. Soll heißen: «Weniger Schilf, weniger Füchse, weniger Stress für die Wattvögel», sagt Hedden.

Exotische Küstenbewohner

Quer durch den Groden führt ein gut fünf Kilometer langer Naturerlebnispfad. Dank eines 400 Meter langen Bohlenwegs und mehrerer Holzbrücken gelangt man trockenen Fußes über das Wasser oder – bei Ebbe – über das Watt und den Priel.

«Im Watt können nur extrem anpassungsfähige Pflanzen überleben», erklärt Hedden. Der Queller zum Beispiel, eine Pionierpflanze, ohne die keine Salzwiese entstehen würde. Oder der Strandwegerich.

Zwei Pflanzen mit einer ähnlichen Überlebensstrategie: Sie verdünnen den Salzgehalt des Wassers in ihren Blättern. Zu gern würde die Gruppe jetzt eine Meerstrandwegerichgallrüsselkäferschlupfwespe sehen, von der auf einer der Infotafeln die Rede ist. Doch dieser Salzwiesen-Spezialist macht sich rar.

Annelie Hedden bleibt stehen. «Bitte einmal ruhig. Was hören Sie?» Eigentlich nichts. Oder fast nichts, nur ein schwaches Knistern, fast wie Kohlensäure im Glas. «Das ist das Wattknistern», sagt Hedden. Verursacht wird es von den Schlickkrebsen, «winzig kleinen Tieren, die ständig Luftblasen aufsteigen lassen», erklärt die Expertin.

Auf jedem Quadratmeter Watt leben bis zu 100 000 Schlickkrebse, zudem viele Muscheln, Schnecken und Würmer. Das mache zusammen so viel Biomasse wie im tropischen Regenwald – ein reich gedeckter Tisch für Millionen von Zugvögeln, die hier im Frühjahr und Herbst Rast machen.

Futtern auf der Durchreise

Ein Beispiel ist der Knutt, der bei seinem zwei- bis dreiwöchigen Stopp im Wattenmeer so viel futtert, dass sich sein Gewicht verdoppelt. An einem Holzpfahl mitten im Groden lässt sich mit dem Handy einen QR-Code scannen. Sekunden später weiß man, welche Vögel in den Tagen zuvor gesichtet wurden.

Annelie Hedden erkennt das Federvieh an Farbe, Form oder Gesang. Mal vernimmt sie das Flöten eines Rotschenkels: ein Bodenbrüter und «Charaktervogel» der Salzwiesen. Dann wieder macht sie die Gruppe auf eine Schafstelze aufmerksam, deren Unterseite knallgelb leuchtet. «Wie eine fliegende Zitrone.» Auch das Spektiv hat Hedden nicht umsonst mitgenommen. Denn dort, wo der Sommerdeich abgetragen wurde und das Nordseewasser über den Priel in den Groden strömt, tummeln sich ganze Trupps von Austernfischern und Pfuhlschnepfen.

Auch Säbelschnäbler und die eher seltenen Kiebitzregenpfeifer finden reichlich Nahrung. Bis zur nächsten Flut können sie ihre unterschiedlich langen Schnäbel in das Watt bohren.

Dem Pfad durch den Langwarder Groden wurde 2019 das Zertifikat Qualitätswanderweg Wanderbares Deutschland verliehen, als einem «der schönsten Orte, um an der Nordsee heimische Vögel zu beobachten».

Die beste Zeit dafür sind die Stunden direkt vor und nach dem Hochwasser, sagt Hedden. Es empfiehlt sich also vorab ein Blick in den Gezeitenkalender. Wer wiederum wissen will, warum das Wasser kommt und geht und wie ein Tidenhub von drei bis vier Metern entsteht, bekommt Antworten bei der «Vollmond-Führung». Sie wird in diesem Jahr zum ersten Mal im Langwarder Groden angeboten.

Hier allerdings empfiehlt sich vorab ein Blick auf die Wetterkarte. Denn manchmal ist der Himmel auch in Butjadingen bedeckt. (dpa)

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